Mit der Geburt beginnt das Kind seine Erdenreise. Es hat noch keine Ich-Persönlichkeit bzw. Verstandes-, Ego-Persönlichkeit entwickelt. Es ist EINS mit seinem emotionalen Empfinden und authentisch in seinem Gefühlsausdruck. Man kann sagen, seine Welt besteht ausschließlich aus Gefühlen, ja- es ist seine Gefühle. Nach der Geburt und in der frühen Kindheit öffnet es sich mit seinen Gefühlen immer mehr vertrauensvoll der Gefühlswelt und den Gedankenschwingungen seiner Eltern und anderen nahen Bezugspersonen. Es zeigt offen und authentisch, wie und was es fühlt. Sein authentisches SO-SEIN aktiviert zuerst bei den Eltern und später bei anderen Erziehungspersonen – im Kindergarten, in der Schule und Ausbildungsstätten - unterschiedliche Reaktionen. Je nach dem, ob die Gefühle, die es ausdrückt, bei ihnen negativ oder positiv belegt, erlaubt, akzeptiert oder verdrängt sind. Das hat zur Folge, dass sich das Kind in der Gefühlswelt der Eltern und anderen Erwachsenen nur zum Teil wiederfindet und angenommen fühlt. Für die von den Eltern und/oder anderen Erziehungspersonen als negativ belegten und/oder verdrängten Gefühle (Schmerz, Angst, Wut usw.) gibt es für das Kind keine Resonanz oder Hilfe zur Bewältigung im Kontakt mit der Erwachsenenwelt.

Warum gibt es kaum Hilfe?

Eltern haben selten ein von Schmerz und Angst befreites UNTERES SELBST bzw. INNERES KIND. Sie haben selbst in ihrer Kindheit nie erfahren, wie es ist, allumfassend in ihrem SO-SEIN von ihren Eltern angenommen und geliebt zu werden. Sie haben diesen Zustand der allumfassenden Liebe von ihnen nicht erfahren und lernen können. Sie befinden sich meist selbst noch in der Entwicklung zu emotionaler Reife. Ihre Gefühls- und Gedankenwelt, mit der sie ihrem Kind begegnen, ist voll von ihren mehr oder weniger bewussten oder unbewussten Ängsten, Hoffnungen und Liebesvorstellungen, voll von ihren mehr oder weniger positiven oder negativen Glaubensmustern, Kindheitserfahrungen und elterlichen sowie gesellschaftlichen Erziehungsprogrammen. Sie haben gelernt, „negative“ Gefühle zu unterdrücken, zu verstecken, zu kontrollieren, und sich Verhaltensmuster angeeignet, die Anerkennung und Liebe versprechen und Ablehnung durch Andere minimieren, und das alles im Namen der Vernunft. Hier findet sich auch die Antwort warum es den Eltern meist nicht möglich ist, ihr Kind in all seinen Facetten seines authentischen, emotionalen Selbst tief mitfühlend anzunehmen und zu akzeptieren. Sie haben es selbst nie erfahren und gelernt.

Zurück zum Kind

Dieses Nichtannehmen-, Nichtfühlen-Können seitens der Eltern („stell’ Dich nicht so an“, „das ist doch gar nicht so schlimm“, „Du Heulsuse“, „ein Indianer kennt keinen Schmerz“, „da hast Du doch selber Schuld“, „sei ein liebes, braves Kind“, „schreien und toben hilft dir auch nicht weiter“...) von negativ besetzten Gefühlsäußerungen des Kindes, wie z. B. Schmerz, Angst oder Wut, erlebt das Kind als Ablehnung und Distanzierung von sich selbst. (Es hat ja noch nicht das Bewusstsein, dass es Gefühle hat und nicht selbst das Gefühl ist.) In der Wahrnehmung des Kindes entstehen nun zwei voneinander total unterschiedliche Gefühlszustände bzw. Erlebniswelten: Seine eigene innere, noch authentische und heile Gefühlswelt und die seiner Eltern, wobei sich allerdings die beiden Welten im starken Widerspruch (Dissonanz) zueinander befinden. Da das Kind die Liebe und Anerkennung seiner Eltern für seine emotionale Sicherheit, d. h. für sein Bestehen und Überleben in dieser Welt braucht, wird es immer die Schuld der gefühlten Zurückweisung und Ablehnung bei sich suchen. Es wird sich für die Gefühls- und Gedankenwelt sowie Erziehungsmethoden seiner Eltern als richtig und gegen seine eigene Gefühlswelt entscheiden. Es kommt zu dem Schluss, das mit ihm irgendetwas nicht stimmt, es fühlt: “So wie ich bin, bin ich nicht richtig. Ich muss etwas tun, um geliebt und anerkannt zu werden. Ich bin es nicht wert, so wie ich bin, geliebt zu werden.“ Dieses erlebt das Kind als tiefen Schmerz und als ein Gefühl der Wertlosigkeit, das es emotional nicht verarbeiten kann. Es trennt sich immer mehr von den „nicht angenommenen, nicht akzeptierten Gefühlen“ und entwickelt Strategien und angepasste Verhaltensweisen, um die Liebe und Anerkennung zu bekommen, die es braucht. Die abgetrennten Gefühlszustände werden als Teilpersönlichkeiten (=Sub-Persönlichkeiten) tief ins Unterbewusstsein verbannt und führen dort ein Schattendasein. Sie sind für unseren Verstand nur schwer erreichbar, obwohl sie in vielen Situationen durch tiefversteckte Gefühle der Wertlosigkeit und mit Hilfe von erlernten Vermeidungsstrategien und Glaubensmustern unseren Lebensalltag bestimmen.

  • Wo Schmerz nicht gelebt werden kann, entsteht angstvolles Verhalten, um schmerzhafte Erfahrungen zu vermeiden.
  • Wo Schmerz und Angst nicht ausgedrückt werden können, entsteht Wut.
  • Wo Wut und Ärger, Angst und Schmerz nicht adäquat ausgedrückt werden können, bedarf es einer zunehmenden Kontrolle.

Auf der Strecke bleibt der eigene ursprüngliche Lebensausdruck, die ständige Selbstkontrolle kostet viel Kraft, Depression erwächst, weil das eigentliche Bedürfnis nach Liebe und Angenommen-Sein vom Außen nicht wirklich erfüllt werden kann. Schließlich erwächst die Scham aus dem Gefühl heraus, dass an uns etwas fundamental falsch sein muss und wir es nicht wert sind, geliebt zu werden. All dies geschieht auf einer überwiegend unbewussten Ebene, gesteuert durch die abgespaltenen Teil-Persönlichkeiten Schmerz, Angst, Wut, und durch die Kontrollmechanismen, Strategien und Verhaltensmuster.

In Kooperation mit der
lieselogo